Millionen Zugewanderte zahlen in die Rentenkasse ein. Doch viele von ihnen sind selbst von Altersarmut bedroht, erklärt die Staatsministerin.
- Interview mit
- Wetterauer Zeitung
Die Zukunft der Alterssicherung hat jüngst ganz Deutschland bewegt, als die Bundesregierung um das Rentenpaket gerungen hat. Mittendrin im Politikbetrieb Berlins ist Natalie Pawlik (SPD). Sie ist Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge, Integration und Antirassismus. Inwieweit die Rentenfrage ihr Ressort betrifft, schildert sie im Gespräch mit dieser Zeitung.
Frau Pawlik, inwieweit ist die Rente in Deutschland auch für Sie als Staatsministerin für Integration ein Thema?
Wer über die Zukunft unseres Sozialstaates und die Rente spricht, kommt am Thema Integration nicht vorbei: 5,9 Millionen Beschäftigte mit ausländischem Pass sind heute schon eine tragende Säule der Beitragszahlenden. In den kommenden Jahren werden wir noch weitere Zuwanderung brauchen, um dem demografischen Wandel und dem altersbedingten Renteneintritt vieler Beitragszahlender entgegenzuwirken. Dabei gilt: Je besser wir Menschen bei uns integrieren, je schneller sie eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufnehmen können, desto besser für den Sozialstaat und die Rentenkasse.
Auf welche Vorbehalte stoßen Migrantinnen und Migranten im Kontext der Rentendiskussion – etwa „Die nehmen uns die Rente weg“?
Auch eingewanderte Menschen haben Deutschland wirtschaftlich stark gemacht – deshalb haben sie auch Anspruch auf eine verlässliche und respektvolle Altersabsicherung. Sie arbeiten häufig in Engpassberufen, etwa in der Pflege, dem Baugewerbe, in der Lebensmittelherstellung oder in der Gastronomie. Diese Menschen finanzieren ebenso unser Rentensystem wie Beschäftigte ohne Einwanderungsgeschichte.
Zugleich sind Migrantinnen und Migranten überdurchschnittlich von Altersarmut betroffen, weil beispielsweise ihre Qualifikationen nicht ausreichend anerkannt werden, oder sie in Berufen arbeiten, in denen die Löhne niedrig sind.
Wie stehen Sie zu diesen Vorurteilen?
Wir müssen wegkommen von populistischen Debatten, die Gruppen gegeneinander ausspielen nach Herkunft, Alter oder Aussehen. Wir haben vorletzte Woche im Bundestag ein Gesetz auf den Weg gebracht, damit die Rente für die kommenden Jahre bis 2031 stabil bleibt. Ich möchte, dass alle, die hier leben und arbeiten, als Teil unserer Gesellschaft und unseres funktionierenden Sozialstaates anerkannt werden.
Ist nicht gerade die Zuwanderung ein Baustein zur Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit?
Absolut. Die Bevölkerung altert zunehmend, in den kommenden zehn Jahren werden rund fünf Millionen sogenannte Babyboomer in Rente gehen. Der Arbeitsmarkt verzeichnet bereits heute einen Mangel an Arbeitskräften. Ohne Zuwanderung würde unser Arbeitskräftepotenzial weiter schrumpfen. Die Bundesagentur für Arbeit schätzt, dass wir in den nächsten zehn Jahren pro Jahr 400 000 Arbeitskräfte aus dem Ausland benötigen. Zuwanderung ist also auch Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik.
Ist es nicht paradox, gegenüber geflüchteten Menschen Abschiebungen zu fordern und gleichzeitig in Indien um Fachkräfte zu werben?
Eine unserer Aufgaben als Bundesregierung ist es, Migration zu steuern und zu ordnen. Dazu gehört auch, das vorhandene Arbeitskräftepotenzial von Geflüchteten konsequent zu heben und die Integration in Arbeit zu verbessern. Mein Ziel ist eine Integrationspolitik, die Chancen auf den Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnet, Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht und Hürden konsequent abbaut. Das kommt sowohl den Menschen als auch unserer Wirtschaft zugute. Gleichzeitig müssen wir selbstverständlich weltweit um die besten Fach- und Arbeitskräfte werben, um unseren Wohlstand und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes zu sichern. Und ebenso gilt: Für Menschen ohne Schutzanspruch gibt es klare Regeln und Gesetze, die auch konsequent angewendet werden müssen.
Fachkräfte, z. B. aus Indien haben bereits eine gute Ausbildung genossen, Geflüchtete vielleicht (noch) nicht? Was wäre zu tun?
Wir müssen genau prüfen, welche Qualifikationen und Erfahrungen eine Person bereits mitbringt und gleichzeitig die Anforderungen unseres Arbeitsmarktes berücksichtigen. Wenn wir diese Perspektiven zusammenführen, lassen sich gezielt Maßnahmen entwickeln, etwa berufsspezifische Sprachkurse, Weiterbildungen oder Umschulungen.
Inwieweit fördern der Bund/das Land die Eingliederung von Migrantinnen und Migranten in das Berufsleben?
Wir investieren sehr viel Geld in Sprachkurse, Berufsqualifizierung, Anerkennungsverfahren und Integrationsmaßnahmen. Die Erwerbstätigenquote von eingewanderten Menschen ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen, 2024 auf fast 70 Prozent. Auch die Löhne haben sich deutlich verbessert, vor allem bei Kindern von Eingewanderten. Integration über Arbeit funktioniert, wenn wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und auch die Arbeitgeber mitziehen. Und wenn wir uns die Zeit nehmen, damit sich die Maßnahmen entfalten können.
Warum haben insbesondere Ukrainerinnen und Ukrainer vom Jobturbo profitiert und andere Gruppen weniger?
Der Jobturbo hat besonders Ukrainerinnen und Ukrainern geholfen, weil sie direkt engmaschig betreut wurden und schnellen Zugang zu Sprachkursen und beruflicher Orientierung erhalten haben. Somit konnten sie viel schneller in den Arbeitsmarkt einsteigen. Der Jobturbo ist ein gutes Beispiel dafür, wie gezielte und praxisnahe Unterstützung auf vielen Ebenen Chancen eröffnen kann und Geflüchteten ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland ermöglicht. Letztlich profitieren davon nicht nur die Menschen selbst, sondern unsere gesamte Gesellschaft.