Interview
Ständig wird über Migration debattiert. Kommt das Thema Integration zu kurz? Staatsministerin Natalie Pawlik erklärt, wie beides zusammenhängt
- Interview mit
- Focus
Stationen im Leben von Natalie Pawlik
1992 Geboren in Wostok, Sibirien
2021 Einzug in den Deutschen Bundestag
2022 Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten
2025 Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration
Am ovalen Kabinettstisch von Bundeskanzler Friedrich Merz ist sie die Jüngste. Natalie Pawlik, 33 Jahre alt, Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. Die Sozialdemokratin sitzt ganz am Rand, zwischen Elisabeth Kaiser (Ostbeauftragte) und Michael Meister (Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit). Während die Union die Asylwende forciert, ist es Pawliks Aufgabe, die Bedeutung von Integration aufzuzeigen.
Frau Pawlik, was bedeutet es für Sie eigentlich, deutsch zu sein? Ein Gefühl von Zugehörigkeit – zu Deutschland, zu den Werten unseres Grundgesetzes, zu einem friedlichen und respektvollen Miteinander hier. Aber eben auch Deutsch zu sprechen und Verantwortung für unsere Demokratie und unsere Geschichte zu übernehmen.
Sind Sie stolz, deutsch zu sein? Ich bin froh darüber, in Deutschland und in Europa zu leben. Ich bin dankbar für die vielen Möglichkeiten, die wir alle in diesem Land haben. Ich bin stolz auf meine Familie, meine Freunde. Ich bin in vieler Hinsicht auch stolz auf dieses Land.
Haben Sie sich willkommen gefühlt, als Sie als Sechsjährige nach Deutschland gekommen sind? Ja, meistens. Wir hatten unglaublich viel Unterstützung von Ehrenamtlichen erhalten, als wir nach Deutschland gekommen sind. Das Rote Kreuz hat uns Kleidung gespendet, wir Kinder haben Spielsachen und Bücher geschenkt bekommen. Der Internationale Bund hat die Hausaufgabenbetreuung übernommen, wenn meine Eltern gearbeitet haben. In der evangelischen Kirche spielten wir Theater. Daran habe ich positive Erinnerungen.
Welche Probleme gab es damals? Wie viele andere auch hatten meine Eltern große Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Auch ihre Berufsqualifikationen wurden hier nicht anerkannt. Meine Mutter war in Russland Erzieherin. In Deutschland arbeitete sie als Zimmermädchen, Reinigungskraft und sie war eine der letzten „Schlecker-Frauen". Eines Tages hat ihr eine Bekannte an der Kasse erzählt, dass sie die Erzieherinnen-Ausbildung in Frankfurt in drei statt fünf Jahren machen kann, weil ihre Vorerfahrungen anerkannt werden. Das hat sie dann auch trotz vieler Widerstände, weniger Geld und der Überwindung wieder zur Schule zu gehen, gemacht und ist so ihren Weg weitergegangen.
Was nehmen Sie aus Ihren Erfahrungen für ihr Amt mit? Einiges. Zum Beispiel wie wichtig gute Integrationsstrukturen vor Ort in den Städten und Gemeinden und Sprachangebote in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sind. Und dass berufliche Qualifizierung und Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht von Zufällen abhängen dürfen. Mit Blick auch auf die Erfahrung meiner Eltern hin kann ich nur betonen, dass wir dringend besser werden müssen bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen und der Bleibeperspektive für Menschen, die zu uns kommen.
Was für eine Rolle spielt Arbeit bei Integration? Arbeit und Sprache sind die Schlüssel für Integration, wir sind eine Arbeitsgesellschaft. Um daran teilhaben zu können, ist es zentral, dass man einen Job hat, mit dem man sein Leben finanzieren kann. Aber natürlich findet Integration auch am Arbeitsplatz statt. Da gibt es Kolleginnen und Kollegen, ein soziales Umfeld. Das unterstützt auch das Ankommen in der Gesellschaft und das Lernen der Sprache.
Knapp die Hälfte aller Bürgergeldempfänger haben keinen deutschen Pass. Ist das ein Zeichen von missglückter Integration? Hier muss man ganz genau hinschauen. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer können noch nicht arbeiten, weil sie zum Beispiel kleine Kinder betreuen und es an Kinderbetreuungsplätzen mangelt. Aber auch fehlende Sprachkenntnisse sind ein Hindernis, ebenso spielen gesundheitliche oder psychische Einschränkungen eine Rolle. Trotzdem müssen wir diese Zahl als Ansporn verstehen. Das Ziel muss sein, Menschen schneller in Arbeit zu bringen und damit auch ihre Teilhabemöglichkeiten zu verbessern. Langfristig betrachtet lohnt sich Integration immer. Hier ist der Text ab „Der Zuwachs":
Der Zuwachs bei der Beschäftigung geht schon seit einiger Zeit fast ausschließlich auf das Konto von Ausländerinnen und Ausländern. Menschen, die hier arbeiten, zahlen Steuern und Sozialbeiträge. Sie stabilisieren unser Sozialsystem, gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Integration kann die Lösung für viele Herausforderungen in unserer Gesellschaft sein.
Wir haben Ukrainer in das Bürgergeldsystem reingeholt, damit sie schnell in Arbeit finden. In anderen Ländern ist die Quote an Ukrainern, die arbeiten, deutlich höher. Ist das Vorhaben gescheitert? Wir sind bei der Arbeitsmarktintegration von Ukrainerinnen und Ukrainern auf einem guten Weg, natürlich geht es auch immer noch besser. Wir müssen uns bewusst machen, dass das Menschen sind, die vor Krieg fliehen. Die Erwartungshaltung, dass sie ab Tag zwei Arbeit finden und dann schon hier zurechtkommen, ist eine Illusion. Es gibt sprachliche Hürden, sozialpsychologische Herausforderungen, Probleme bei der Anerkennung von Qualifikationen. Deswegen ist es wichtig, vor Ort zu schauen, was eine Person eigentlich benötigt, um schnell in Arbeit zu kommen.
Ukrainerinnen und Ukrainer, die neu nach Deutschland kommen, sollen inzwischen wieder unter das Asylbewerberleistungsgesetz fallen. Ist dieser Rechtskreiswechsel richtig? Das sehe ich eher kritisch. Mir ist wichtig, dass die Menschen weiterhin gute Arbeitsberatung erhalten und sie Zugang zu Integrations- und Sprachkursen bekommen.
Ist Integration eigentlich eine Bring- oder eine Holschuld? Beides. Es braucht Strukturen und eine Gesellschaft, die Menschen ein gutes Ankommen und Teilhabe ermöglichen. Aber es braucht auch die Bereitschaft, sich integrieren zu wollen und entsprechende Angebote und Möglichkeiten zu nutzen.
Die Union hat die Asylwende angekündigt. Wir wollen weniger Flüchtlinge, aber mehr Fachkräfte. Kann das funktionieren? Migration zu steuern und zu ordnen ist notwendig. Aber Fakt ist, dass Deutschlands Volkswirtschaft auf Fachkräftezuwanderung angewiesen ist, damit wir langfristig wettbewerbsfähig bleiben.
In Europa konkurrieren die Länder inzwischen um Fachkräfte. Sind wir konkurrenzfähig? Wir müssen uns bewusst machen, dass es kein Selbstläufer ist, dass Menschen als Fachkräfte hierherkommen und vor allem auch bleiben. Im internationalen Wettbewerb um Fach- und Arbeitskräfte ist Deutschland bei Weitem nicht mehr das attraktivste Land, in das Menschen gehen wollen. Das hat unterschiedliche Gründe: Bürokratie, die fehlende Anerkennung von Abschlüssen, aber auch die Frage der Willkommenskultur.
Der dänische Migrationsminister stellte in einem Interview mit FOCUS die Maxime auf: „Migration darf unser Land nicht verändern." Was halten Sie von der Aussage? Das sehe ich anders. Wir sollten keine Angst vor Veränderungen haben. Unsere Gesellschaft verändert sich ständig und entwickelt sich weiter. Nicht nur durch Migration, auch durch die Digitalisierung oder durch demografische Einschnitte. Die zentrale Frage ist doch, wie wir mit diesem Wandel umgehen. Integrationspolitik ist dabei ein Mittel, um Veränderungsprozesse in unserem Land positiv zu gestalten.
Ist die Bevölkerung in Deutschland bereit für die Veränderungen, die Migration mitbringt? Die gefühlte Stimmung ist derzeit geprägt von Unsicherheit und zum Teil auch Unzufriedenheit. Aber ehrlich gesagt, war sie das auch, als wir in den 90ern nach Deutschland gekommen sind. Und trotzdem hat sich Deutschland zu einem Land mit vielen Möglichkeiten positiv weiterentwickelt. Wir neigen dazu, immer in einem negativen Kontext über Migration und Integration zu diskutieren, nämlich dann, wenn etwas passiert, so wie die Krawalle in der Silvesternacht. Aber mir geht es darum, diese Muster aufzubrechen und viel mehr die vielen Erfolgsgeschichten sichtbar zu machen, die hier tagtäglich stattfinden und die ich so oft erlebe.
Na, dann erzählen Sie mal! Bei den Berliner Wasserbetrieben zum Beispiel habe ich einen jungen Mann kennengelernt, der vor drei Jahren aus der Ukraine geflohen ist. Er hat hier seine Schule beendet, innerhalb von drei Jahren Deutsch gelernt und macht jetzt seine Ausbildung in einem systemrelevanten Beruf. Das sind Geschichten, die ich beeindruckend finde und die zeigen, dass Integration gelingt, wenn wir Strukturen dafür schaffen und der Wille auf beiden Seiten da ist.
Wie viel Kulturkampf steckt in Integration? Viele Diskussionen sind überreizt und emotionalisiert. Wichtig ist doch, dass Politik zu konkreten Lösungen führt und wir nicht verharren im gegenseitigen Vorwürfe machen. Und wir müssen die Menschen vor Ort mitnehmen und Entscheidungen erklären, wenn Integration gelingen soll und wir Rassismus in der Gesellschaft bekämpfen wollen.
Fakten zur Integration
21,2 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte
72,7 Prozent der Zugewanderten der ersten Generation sind erwerbstätig. Bei Männern sind es 82 Prozent
320.343 Zuwanderer haben 2024 einen Sprachkurs mit Zertifikat abgeschlossen