Integrationsbeauftragte

Mittwoch, 28. November 2018

Interview mit BILD

"Wir müssen alle erreichen können."

Staatsministerin Widmann-Mauz im Gespräch mit BILD zur Islamkonferenz.

Was muss die Islamkonferenz leisten, damit der Islam zu Deutschland gehören kann?

Es ist gut, dass die ganze Bandbreite des Islam eingeladen ist, Verbände aber auch kritische Einzelstimmen. Wichtig ist, dass die Islamkonferenz zu konkreten Empfehlungen kommt, in den Fragen, die Menschen im Alltag umtreiben – in den Schulen, am Arbeitsplatz oder auch in der Pflege.

Hat Horst Seehofer sie eingeladen?

Ja, ich werde auch teilnehmen.

Darf man mit Ditib reden?

Durch Schweigen werden wir jedenfalls nichts bewegen. Ditib ist eine Stimme, aber nicht die einzige. Die Vielzahl der Muslime in Deutschland ist gar nicht organisiert. Auch darauf muss die Konferenz Antworten geben: Der Staat braucht einen Ansprechpartner auf muslimischer Seite, wie wir ihn bei anderen Religionsgemeinschaften - etwa mit dem Zentralrat der Juden - haben.

Darf sich der Zentralrat der Muslime nicht Zentralrat nennen, weil er nur ganz wenige Muslime vertritt.

Der Name ist zweitrangig. Wir haben 2300 Moscheegemeinden in Deutschland, die sich nur teilweise in Dachverbänden organisiert haben. Wir müssen aber alle erreichen können. Dazu ist ein zentraler Ansprechpartner nötig.

Brauchen wir ein Moschee-Register?

Ein Register kann eine Übersicht darüber geben, wo muslimisches Leben in Deutschland stattfindet. Viel wichtiger ist aber, was in den Moscheen passiert. Wir brauchen einen Islam, der der Lebensrealität der Muslime in Deutschland entspricht.

Waren sie schon mal zu einem Freitagsgebet in einer Moschee?

Noch nicht.
 
Dort treffen sie oft Imame, die hier seit vielen Jahren leben, aber kein Deutsch sprechen.

Das ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Dort wo die Imame aus dem Ausland kommen, schildern uns die Gemeindemitglieder häufig, dass sie sich in ihren Moscheen nicht verstanden fühlen oder nichts verstehen. Wenn Imame aber keinen Zugang zu deutschen Muslimen haben, ist beispielsweise auch keine Seelsorge möglich. Wichtig sind deshalb Imame, die in Deutschland aufgewachsen und ausgebildet sind.

Das wird nicht gelingen, solange das Geld aus Saudi-Arabien oder der Türkei fließt.

Klar ist: Wer als Moscheeverband Teil von Deutschland sein will, kann nicht Teil von Riad oder Ankara bleiben. Und wer beispielsweise Kirchensteuer erheben will, der muss die gesetzlichen Kriterien erfüllen. Deshalb ist nicht nur eine Emanzipation vom Ausland nötig, sondern auch eine Neustrukturierung der Vertretung von Muslimen in Deutschland.

Sind Sie für eine Moscheesteuer?

Ich halte Sie für eine Möglichkeit.

Welchen Anreiz haben Moscheen, sich von saudischem oder türkischem Geld abzuwenden?

Die Moscheen haben ein Interesse, dass ihre Mitglieder Unterstützung in ihrer Glaubensausübung in Deutschland erhalten. Wenn Sie die gleichen Rechte und Pflichten wie die Kirchen wollen, müssen sie sich Strukturen in Deutschland geben. Und das wird Zeit, denn auch viele deutsche Muslime wollen keine Anbindung ans Ausland.

Haben Moscheen eine Integrationspflicht?

Es sind Orte, an denen Menschen zusammenkommen und deshalb haben sie natürlich eine Verantwortung für die Integration. Einige Moscheegemeinden nehmen diese Verantwortung ja auch gut wahr, etwa als Integrationslotsen. Sie treten hörbar dafür ein, Teil der Gesellschaft zu sein. Das wünsche ich mir von allen Moscheegemeinden.

Brauchen wir eine Deutsch-Pflicht in Moscheen?

Weil es wichtig ist, dass Imame Deutsch sprechen, halte ich eine Imam-Ausbildung in Deutschland für absolut notwendig.

Wie wollen sie gewährleisten, dass in dieser Imam-Ausbildung ein Islam vermittelt wird, der auch unseren deutschen Vorstellungen entspricht?

Die islamischen Lehrstühle in Deutschland machen es vor. Sie setzen sich auf Deutsch und anhand unserer Lebensrealität mit dem Glauben auseinander. Politik darf nicht in Glaubensinhalte eingreifen. Außer Frage steht aber, dass sich Ausbildung und Glaubensvermittlung auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen müssen. Wenn wir Anhaltspunkte haben, dass in Gotteshäusern gehetzt wird, müssen unsere Ermittlungsbehörden das verfolgen.

Wir hören immer wieder von antisemitischen Übergriffen. Was ist schief gegangen mit der Integration?

Antisemitismus und Gewalt gegen Andersgläubige ist inakzeptabel – egal aus welcher Richtung. Dafür gibt es keine Entschuldigung - genauso wenig wie für Angriffe auf Frauen, die ein Kopftuch tragen. Das müssen wir unmissverständlich und von Anfang an klar machen.

Wie erreichen Sie Muslime, die in arabischen Vierteln leben, arabische Medien konsumieren und in einer Parallelgesellschaft leben?

Deshalb ist der Dialog mit den Verbänden so wichtig. Sie sind Brückenbauer in ihre Gemeinden und haben Verantwortung, gerade auch bei den Fragen des Alltags – sei es die Teilnahme muslimischer Mädchen am Schwimmunterricht oder dass ein Kopftuch bei Kindern nicht geht. Ich erwarte dazu auch von der Islamkonferenz deutliche Worte.

Brauchen wir Islamunterricht oder allgemeinen Religionsunterricht an Schulen?

Auch bekenntnisorientierter Religionsunterricht kann dazu beitragen, Verständnis für andere Religionen zu vermitteln. Notwendig sind hier konkrete Empfehlungen der Islamkonferenz, denn der Umgang mit Islamunterricht ist momentan in jedem Bundesland anders geregelt. Hier brauchen wir einheitliche Regeln.

Es gibt zahlreiche muslimische Lobbyvereinigungen, die oft nach Außen anderes kommunizieren als nach Innen. Sind wir oft zu naiv auf der Suche nach Partnern?

Es gibt eine Vielzahl von Vereinen und Verbänden. Es gibt einzelne Experten, die für sich in Anspruch nehmen, den Koran zu interpretieren. Unser Problem ist nicht die Vielfalt, sondern dass es keine Dachstruktur gibt, unter der sich alle sammeln und damit ein Ansprechpartner für Politik sein kann. Auch darauf muss die Islamkonferenz eine Antwort geben.

Wird zu negativ über Muslime über den Islam berichtet?

Wichtig ist, dass die Fakten stimmen. Über Probleme muss berichtet werden. Und zugleich darf die weit überwiegende Mehrheit der Muslime nicht aus dem Blick geraten, die hier friedlich leben und ihren Beitrag für dieses Land und die Gesellschaft leisten.

Wie kann es sein, dass jeder Islam-Kritiker Polizeischutz braucht?

Genau deshalb ist es richtig, dass die Islamkonferenz allen, auch kritischen Stimmen Gehör verschafft. Wer Kritik äußert, muss sich Gegenkritik, nicht aber Gewaltandrohung gefallen lassen. Das gilt für alle in unserem Land.

Kann es sein, dass die unterschiedlichen und teils extrem verfeindeten islamischen Strömungen, die auch hier in Deutschland existieren, einfach nicht zusammengehören wollen?

Menschen, die aus demselben Buch ihre Religion erfahren, müssen hier gemeinsam friedlich leben können.

Brauchen wir eine Muslim-Quote?

Nein, aber wir brauchen Vielfalt in Unternehmen und Behörden. Denn gemischte Teams bringen die besseren Ergebnisse. Wir haben Nachholbedarf bei Chancengleichheit. Wenn Bewerber nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, weil sie einen ausländischen Namen haben, verschwenden wir Talente, die unser Land braucht.

Ist Integration, wenn die Tagesschau von einer Frau mit Kopftuch moderiert wird?

Nein. Integration ist, wenn zählt was in den Köpfen steckt.


Das Interview führte Karolina Pajdak. 

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