Vielfalt in Schulklassen zum Thema machen

Pressemitteilung Vielfalt in Schulklassen zum Thema machen

Auf Einladung von Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz kamen heute Vertreterinnen und Vertreter der Kultusministerkonferenz, der Wissenschaft und der Bildungspraxis zu einem virtuellen Fachgespräch zum Thema Migration und Integration in Lehrplänen und im Schulunterricht zusammen. 

Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz: „Was vor 60 Jahren bei der Unterzeichnung der Anwerbeabkommen mit der Türkei, Griechenland, Italien und anderen Ländern galt, gilt noch heute: Einwanderung hat einen entscheidenden Anteil am wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Einwanderung und Vielfalt prägen unsere Gesellschaft seit langem. Auch auf unseren Schulhöfen gehört Vielfalt längst zum selbstverständlichen Alltag. Wichtig ist, dass sich Deutschlands Selbstverständnis als vielfältige Gesellschaft im Schulunterricht und in den Lehrmaterialen stärker widerspiegelt und dabei auch Chancen und Herausforderungen thematisiert werden. Die neue Lehrplanstudie zeigt hier eine positive Entwicklung: In vielen Bundesländern haben die Themen Migration und Integration mittlerweile Eingang in die Lehrpläne gefunden. Diese guten Impulse sollten im wahrsten Sinne des Wortes „Schule machen“. Dazu gehört auch, unseren Lehrerinnen und Lehrern schon in der Aus- und Weiterbildung im Umgang mit Vielfalt und damit verbundenen Konflikten den Rücken zu stärken.“

Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst: „Schulen sind Orte gelebter Integration; sie können einen Beitrag dazu leisten, kulturelle Vielfalt als Bereicherung für uns alle zu erleben und Vorurteile abzubauen. Wir streben zugleich an, dass Bildung die Chancen für Kinder aus Familien mit einer Einwanderungsgeschichte weiter erhöht. Beides gehört untrennbar zusammen: der Konsens über die Chancen einer respektvollen Kultur der Vielfalt und die gleiche Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben durch Bildung. Die Länder verstärken deshalb ihre bisherigen Bemühungen im Bereich Diversität und Interkulturalität. Themen wie Migration, Integration und Heterogenität fließen als Querschnittsthemen in die Rahmenvorgaben der Länder für den Unterricht ein. Ebenso bieten die Länder vermehrt Aus- und Fortbildungsangebote für Lehrkräfte in den Bereichen interkulturelle Kompetenz, Umgang mit Heterogenität und dem sensiblen Einsatz von Bildungsmedien an.“

Direktor des Mercator Forums Migration und Demokratie (MIDEM) an der TU Dresden, Prof. Dr. Hans Vorländer: „Migration ist ein globales Phänomen - aber auch eines, dass viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland als Teil ihrer familiären Geschichte betrifft. Die Bedeutung der Migration zu vermitteln, bedeutet auch, diese individuellen und kollektiven Migrationsgeschichten sichtbar werden zu lassen. Sie gehören zum Erfahrungsschatz einer vielfältigen Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, dass Lehrpläne auch die jüngere deutsche Migrationsgeschichte in den Fokus rücken - von der Gast- und Vertragsarbeiteranwerbung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die Zuwanderung von sogenannten Spätaussiedlern bis hin zur Fachkräftemigration.“

Direktorin des Zentrums für Bildungsintegration an der Stiftung Universität Hildesheim, Prof. Dr. Viola B. Georgi: „Die Studie schließt eine wichtige Forschungslücke im Hinblick auf die Frage, wie Migration und Integration in den Lehrplänen thematisiert werden und zeigt zugleich einen notwendigen Paradigmenwechsel für Bildung und Erziehung in der Schule an: von der interkulturellen Bildung hin zur Diversity Education.“

Landeskoordinatorin des Netzwerks Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte, Atika Müller-Erogul: „Es ist unabdingbar, dass Schule als Lern- und Erziehungsort in allen Lehrplänen die Themen Migration und Integration in den Blick nimmt. Zudem könnte beispielsweise fächerübergreifender Unterricht dazu dienen, weitere Bezüge zu anderen Fächern herzustellen, um zum einen das Bewusstsein für die Themen Migration und Integration zu schärfen und zum anderen nachhaltiges Lernen zu ermöglichen. Wie die Ergebnisse der Studie aufzeigen, ist die Partizipation von mehr Lehrkräften mit Zuwanderungsgeschichte bei der Lehrplanüberarbeitung notwendig, damit vorhandene Expertisen in diesem Themenfeld stärker eingebracht werden können.“  

Die neue „ Lehrplanstudie zu Migration und Integration PDF, 3 MB, barrierefrei “ des Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM) unter der Leitung von Prof. Dr. Hans Vorländer untersucht, wie die Themen Migration und Integration in Lehrplänen und im Schulunterricht zum Thema gemacht werden. Ebenso gibt sie Empfehlungen, wie Schulen und Lehrkräfte dabei unterstützt werden können, Vielfalt im Schulunterricht angemessen zu thematisieren. Dafür wurden beispielhaft die Lehrpläne in den Bundesländern Bayern, Berlin und Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen ausgewertet sowie Interviews mit Lehrkräften, Expertinnen und Experten geführt. Die Studie wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, in Auftrag gegeben.

Beim heutigen Fachgespräch tauschen sich Vertreterinnen und Vertreter von Bund und Ländern, Bildungsexpertinnen und -experten aus Wissenschaft und Praxis über gelungene Beispiele aus, wie Herausforderungen im Bildungsbereich konkret angegangen und Vielfalt in der Schule thematisiert werden können.

Nach der Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty haben Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek einen Bildungsdialog mit Lehrkräften, Vertreterinnen und Vertretern der Kultusministerkonferenz, Wissenschaft, Bildungspraxis und Migrantenorganisationen gestartet. Dabei ging es um Herausforderungen bei der Behandlung kontroverser, interkulturell oder religiös sensibler Themen im Unterricht und um Wege, wie Lehrkräfte im Umgang mit Konflikten im Schulalltag besser unterstützt werden können. Zugleich wurde deutlich, dass Deutschlands Selbstverständnis als vielfältige Gesellschaft im Schulunterricht und in den Lehrmaterialen stärker zum Thema gemacht werden muss, um ein gutes Klima an unseren Schulen zu fördern.