"Wer will in einem Land leben, in dem man sich nicht wohlfühlt?"

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Interview "Wer will in einem Land leben, in dem man sich nicht wohlfühlt?"

Natalie Pawlik, die neue Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, hat einen ganz persönlichen Blick auf Einwanderung. Sie selbst kam als Sechsjährige aus Russland nach Deutschland. Ein Gespräch über Chancen und Hürden der Integration.

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Frau Pawlik, Sie wurden in Sibirien geboren, kamen mit sechs Jahren nach Deutschland, mit 29 in den Bundestag. Von außen betrachtet ist das eine perfekte Integrationsgeschichte. Fühlen Sie sich heute zu 100 Prozent zugehörig?

Natalie Pawlik: Absolut. Deutschland ist meine Heimat.

Andere Einwanderer haben das Gefühl, nie richtig anzukommen. Hatten Sie es leichter als Menschen, die migrantisch gelesen werden?

Ich bin weiß, habe blonde Haare und musste bestimmte Erfahrungen nicht machen, die Menschen machen, denen man ihre Migrationsgeschichte ansieht oder die ein Kopftuch tragen. Zudem sind meine Familie und ich als Spätaussiedler hierhergekommen. Für uns war klar, dass wir die Staatsbürgerschaft bekommen und unsere Zukunft in Deutschland ist. Wenn jemand nach Deutschland flieht und teilweise über ein Jahr im Asylverfahren steckt und nicht weiß, ob er bleiben kann, ist das etwas völlig anderes.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Was muss gegeben sein, damit Integration gelingen kann?

Wir sind Einwanderungsland. Deshalb müssen wir Integration als systemrelevant begreifen. Integration ist ein Gewinn für alle und wir müssen die entsprechenden Strukturen zur Verfügung stellen: Zugang zu Sprachkursen, zu Bildung, zu Arbeit. Menschen müssen aber auch wissen, woran sie sind.

Inwiefern?

Die Unsicherheit zum Beispiel während eines zu langen Asylverfahrens macht etwas mit Menschen, ebenso, wenn man von Abschiebung bedroht ist, obwohl man sich angestrengt, arbeitet, die Sprache gelernt, sich integriert hat. Da müssen wir besser werden.

Der Staat allein kann Integration nicht leisten. Stichwort Willkommenskultur.

Klar. Neben staatlichen Strukturen und dem Willen, sich zu integrieren, braucht es auch Menschen, die mithelfen. Eine Nachbarschaft, die willkommen heißt. In ganz vielen Orten gibt es das, nur geht das in der Debatte derzeit leider ziemlich unter.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir müssen die Erfolgsgeschichten in den Vordergrund stellen und raus aus dem Alarmmodus. Integration gelingt in Deutschland jeden Tag, millionenfach, oft geräuschlos. Aber ja, es gibt auch Nachholbedarf und es sind reale Probleme vor allem in den Kommunen zu lösen.

Neben realen Problemen gibt es Ängste und Vorurteile. Was hilft dagegen?

Persönlicher Kontakt ist ganz zentral. Als meine Familie und ich kamen, gab es in meiner hessischen Heimatstadt viel interkulturellen Austausch: Aktionen für uns Kinder, ein internationales Fest, bei dem alle Vereine Stände gemacht haben und die Menschen ins Gespräch kamen.

Was hat Ihnen noch geholfen, gut anzukommen?

Im Aussiedlerwohnheim haben Ehrenamtliche mit uns Kindern Deutsch geübt, Theater gespielt, gesungen. Für meine Eltern war wichtig, dass sie Perspektiven aufgezeigt bekommen haben und bei Behördengängen professionell beraten wurden.

Viele Ehrenamtliche sind heute gefrustet …

… vor allem wegen der Bürokratie und unzureichenden Ressourcen. Das muss stärker in den Fokus.

Ist das nicht auch eine Frage der Kapazität? In den vergangenen Jahren kamen deutlich mehr Menschen nach Deutschland als in den 90ern.

Trotzdem ist das ehrenamtliche Engagement in der Flüchtlingshilfe weiter herausragend. Wir haben aber auch Städte und Gemeinden, die zuletzt viele Menschen aufgenommen haben. Da treten Probleme, die es – und das ist mir wichtig zu betonen – auch ohne Zuwanderung gäbe, zu Tage, etwa: hohe Mieten, mangelnder Wohnraum, fehlende Kitaplätze, Investitionsstau in Schulen.

Wir haben darüber gesprochen, was Ihnen das Ankommen erleichtert hat. Welche Hürden gab es?

Ich habe früh gespürt, dass Chancen in unserem Land ungleich verteilt sind und die Herkunft eines Kindes dabei eine Rolle spielt. Können die Eltern bei den Hausaufgaben helfen? Haben sie Geld für Nachhilfe oder Musikunterricht? Meine Eltern wussten zum Beispiel nicht, welche Vereine und Angebote für Kinder es bei uns im Ort gab.

Als Spätaussiedlerin kamen Sie legal ins Land. Haben Sie Verständnis dafür, dass in der Debatte immer zwischen legalen und illegalen Migranten unterschieden wird?

Wenn jemand schon Jahre hier lebt, arbeitet, Deutsch gelernt hat, integriert ist, muss man das bei der Bleibeperspektive berücksichtigen, auch wenn er über den falschen Weg gekommen ist. Dazu haben wir auch eine Verabredung im Koalitionsvertrag.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat direkt zu Amtsantritt deutlich gemacht: Das Asylrecht soll verschärft werden.

Es gilt der Koalitionsvertrag und da haben wir Kompromisse geschlossen, hinter denen ich stehe. Aber Kompromisse sind sauber umzusetzen. Es ist wichtig für unser Land, eine stabile Regierung zu haben.

Wie meinen Sie das?

Ich erwarte von allen, auch vom Innenminister, sich an Recht und Gesetz zu halten, Stichwort Zurückweisung von Asylsuchenden an unseren Grenzen. Und wir müssen von der Symbolpolitik wegkommen und einen differenzierten Blick auf das Themenfeld Migration, Asyl und Integration werfen.

Europa macht die Grenzen dicht, es gibt Berichte über sogenannte Pushbacks auf dem Mittelmeer, auch Deutschland weist Menschen zurück: Ist die Genfer Flüchtlingskonvention noch zeitgemäß, wenn sie ständig ignoriert wird?

Die Genfer Flüchtlingskonvention gilt, ohne Wenn und Aber. Sie ist aus historischer Erfahrung entstanden, nach zwei Weltkriegen und der Schoa, und sie führt uns die Perspektive von Geflüchteten immer wieder vor Augen.

Gemeinsam mit der Union hat Ihre Partei gerade den Familiennachzug für subsidiär Schutzbedürftige ausgesetzt. Für viele Familien bedeutet das eine ungewisse Zeit der Trennung.

Ein bitterer Kompromiss, aber dabei ist wichtig, dass die Regelung nach zwei Jahren automatisch außer Kraft tritt und Härtefälle weiter berücksichtigt werden. In zwei Jahren werden wir bewerten, was diese Entscheidung gebracht hat.

Mit Blick auf die Integration: Ist das sinnvoll?

Viele Geschichten und Studien belegen, dass sich Menschen besser integrieren, wenn sie mit ihrer Familie zusammenleben. Ich kann das anhand meiner eigenen Geschichte verdeutlichen.

Gerne.

Für meine Familie war es eine große Hilfe, dass wir uns gegenseitig stützen und unterstützen konnten. Meine Großeltern, die damals mit uns gekommen sind, hatten zum Beispiel große Sprachschwierigkeiten. Ich habe als Kind sehr schnell Deutsch gelernt – auch dank der Strukturen vor Ort. Daher habe ich unglaublich viel Übersetzungsarbeit geleistet, etwa beim Gang zu den Behörden oder beim Arzt. Das hat damals sehr geholfen, auch wenn das nicht Aufgabe eines Kindes sein sollte.

Nicht nur Geflüchtete, auch eingewanderte Fachkräfte müssen integriert werden. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat ergeben: Ein Viertel der ausländischen Fachkräfte hat im vergangenen Jahr überlegt, Deutschland wieder zu verlassen.

Die Gründe sind unterschiedlich: Genannt wurde zum einen die Bürokratie – aber auch die Willkommenskultur. Vor allem letzteres bereitet mir große Sorge. Wer will in einem Land leben, in dem man sich nicht wohlfühlt? Das ist ein klarer Handlungsauftrag.

Was also tun?

Über integrationsfördernde Strukturen und gleiche Chancen haben wir ja schon gesprochen. Ich begleite als Beauftragte aber noch ein zweites Thema: Antirassismus. Viele Menschen erfahren in diesem Land Rassismus und werden diskriminiert. Da müssen wir gegensteuern.

Was können Sie da ausrichten?

Ich habe viele Projekte, die Orte der Begegnung schaffen, Dialog und Verständnis fördern, aber auch Rassismus bekämpfen. Dazu fördere ich an bundesweit 32 Standorten eine niedrigschwellige Antirassismus-Beratung. Und besonders wichtig ist mir die Zusammenarbeit mit Initiativen für Angehörige und Betroffene rassistischer, rechtsextremer oder antisemitischer Gewalt. Etwa in Hanau, Halle oder Solingen.

Warum ist gerade das so wichtig?

Die Menschen können aus erster Hand berichten, wozu Rassismus und Hass führen, wozu es führt, wenn wir als Gesellschaft nicht dagegenhalten. In der Summe sind all diese Projekte und Gespräche wichtig, um die Sensibilität in unserer Gesellschaft zu fördern. So wird Rassismus sichtbar – und jene, die davon betroffen sind, werden unterstützt in selbstbestimmter Erinnerungs- und Bildungsarbeit.